Tolle Texte III

Zum dritten Mal war ich beim textualienmarkt der texttage Nürnberg dabei und durfte mit meinem Projekt »Erste Sätze« zum Schreiben anregen und tollen Texten beim Entstehen zusehen.

Bei dem Schreibprojekt ziehen die Teilnehmenden einen ersten Satz und entwickeln daraus in 10 bis 15 Minuten eine Geschichte. Ohne abzusetzen schreiben sie auf, was ihnen in den Sinn kommt. Alle kamen dabei in Fluss und der innere Kritiker hatte keine Chance.

Zwei der Teilnehmerinnen haben mir ihre Texte zur Verfügung gestellt, die ich gerne hier veröffentliche:

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Er trank seine Bloddy Mary aus und bestellte sich ein Bier.

Gar nicht so einfach bei der großen Auswahl, aber ich bleibe mal bei Englisch bzw. Irisch und bestelle ein Guiness. Schmeckt ganz schön bitter, mal sehen, was meine Nachbarn so trinken… da kann ich ja gleich meine Aufgabe, jeden Tag jemand fremdes anzuquatschen, in die Tat umsetzen.

Rechts von mir saß ein Mann, ca. 40 mit Bart, der ihm überhaupt nicht stand, er reagierte nur mit einem Achselzucken auf meine Frauge, was er denn für ein Bier trinkt…

Links von mir saß eine Frau, ein bisschen älter, der Rock einen Tik zu kurz, der Ausschnitt einen Tik zu tief, die Haare zu stark gefärbt und die Lippen etwas verschmiert.

Oh je, die Stimme ist dann bestimmt auch nicht so toll, aber ich frage einfach mal und es war ganz wunderbar, was ich hörte, ihre Stimme war ganz weich und zart, ganz anders als ihr Aussehen. Sie erklärte mir, dass sie das Bier nach ihren Stimmungen auswählt und heute sei sie guter Stimmung, also ein spritziges Weizen! Wollen Sie mal versuchen? Sie schob mir das Glas rüber, ein bisschen Lippenstift auf der einen Seite, ich war verdutzt und trank einfach mal von der anderen Seite, das Eis war gebrochen, sie sagte, ich heisse übrigens Annabell, ein Name, der so samtweich war, wie ihre Stimme.

So gab ein Wort das andere und im Nu waren wir vertieft in Gott und die Welt und stellten fest, dass wir ganz viele Zweisamkeiten haben.

Der Abend verflog und ich ging ganz berauscht nach Hause. Es ist schon interessant, was aus einem Glas Bier entstehen kann, vielleicht sehen wir uns wieder einmal, irgendwann?

©Marita Hecker

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Er drehte sich um und sah an ihr vorbei.

Dabei versuchte er, die Szene hinter seiner Kollegin aufzunehmen, ohne selbst bemerkt zu werden.

Jetzt fing es auch noch an zu regnen, was es deutlich schwieriger machte, der Gruppe dort drüben nicht aufzufallen. Leise schlug seine Kollegin vor, ihren Beobachtungsposten lieber in die Toreinfahrt der Werkstatt zu verlegen.

Die Frauen und Männer der Gruppe schienen nun langsam Richtung Fluß gehen zu wollen. Was konnten sie dort vorhaben?

Die beiden hatten mit vielem gerechnet, aber damit dann doch nicht. Sie beratschlagten leise, ob sie der Gruppe folgen sollten und entschieden tatsächlich, dies zu tun. Der Regen wurde stärker und in der zunehmenden Dunkelheit wurde es ohnehin immer schwieriger, die einzelnen Mitglieder der Gruppe zu unterscheiden. Langsam, ganz langsam, bewegten sich alle weiter Richtung Flußufer.

Da – der größte der Männer holte eine Art Tasche aus dem Gebüsch! Was mochte darin sein? Es musste jedenfalls etwas Entscheidendes sein, sonst hätten sie sich sicher nicht so konspirativ hier getroffen.

Welch eine Überraschung, als sie eine Angel aus der Tasche holten und sie in aller Seelenruhe zusammenschraubten!

„Was zum Teufel wollen die aus der Brühe hochholen?“ wisperte sie nahe neben seinem Ohr.

©Heike Seidel

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